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Mindestlohn vs. Existenzlohn: Wie viel verdient eine Näherin tatsächlich?

Ein T-Shirt für fünf Franken? Eine Hose für zwölf Franken? Da wird kaum zweimal überlegt und das Kleidungsstück landet schon im Warenkorb. Doch, wie ist es möglich, dass Kleidung zu so unfassbar günstigen Preisen verkauft wird? Die Antwort lautet: durch Ausbeutung. Wir geben Einblick, wie wenig eine Näherin im Globalen Süden, aber auch hier in Europa tatsächlich verdient und warum die Forderung nach Mindestlöhnen zu kurz gegriffen ist.

Kaum eine Lieferkette ist so ungerecht, wie die der Textilindustrie. Denn der Unterschied zwischen dem, was Textilarbeiter:innen verdienen sollten, und dem tatsächlichen Mindestlohn, liegt im Durchschnitt bei 49.5 %.1 Das bedeutet, dass beispielsweise der Mindestlohn einer Näherin in Indien 12’250 Rupien beträgt, ein gerechter Lohn, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können, müsste aber mindestens 29’323 Rupien sein.2 Das Schockierendste daran ist, dass oft nicht einmal dieser Mindestlohn bezahlt wird. Was die Näher:innen brauchen, sind Löhne, mit denen sie ihre Existenz sichern können. Aber die meisten Modeunternehmen zahlen diese (noch) nicht.

Was ist ein Existenzlohn?

Ein existenzsichernder Lohn gewährleistet einen angemessenen Lebensstandard für den/die Arbeitnehmer:in und deren Familie. Er muss somit ausreichen, um Essen, Wasser, Unterkunft, Bildung, Gesundheitsversorgung, Transport, Kleidung und Freizeitaktivitäten zu bezahlen. Dabei soll eine Standardarbeitswoche nicht mehr als 48 Stunden umfassen. Auch muss es möglich sein, Ersparnisse für unerwartete Ereignisse auf die Seite zu legen. Zusammengefasst muss somit ein existenzsichernder Lohn zumindest das Minimum umfassen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Eine standardisierte Berechnung gibt es noch nicht, da die Ermittlung generell nicht ganz einfach ist. Jedoch bezieht sich ein Existenzlohn immer auf die Lebenshaltungskosten in dem jeweiligen Gebiet und er stellt grundsätzlich einen Familienlohn dar.

Warum werden noch immer kaum existenzsichernde Löhne bezahlt?

Laut den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte müssen Unternehmen das Menschenrecht auf eine gerechte Entlohnung respektieren. In den Prinzipien geht man sogar so weit, dass in Produktionsländern, in denen die Mindestlöhne das Existenzminimum der Arbeiter:innen nicht erreichen, Unternehmen dieses staatliche Versagen beheben müssen.

Doch in der Realität sind die Unternehmen der Textilbranche weit davon entfernt. Öffentlich garantieren viele Brands und Unternehmen, dass sie die Situation verbessern werden oder bereits Massnahmen ergreifen, doch seit Jahren werden weiterhin Niedriglöhne bezahlt.
Bei Befragungen behaupten die meisten Unternehmen, dass sie ausreichend hohe Löhne zahlen, doch unterschiedliche Nachforschungen haben gezeigt, dass das leider selten der Fall ist.

Betrachten wir beispielsweise den schwedischen Fast-Fashion-Riesen : Das Unternehmen hat sich bereits 2013 dazu verpflichtet, Mitarbeiter:innen in der Lieferkette bis 2018 einen existenzsichernden Lohn zu zahlen. Laut der Clean Clothes Campaign wurde dieses Versprechen jedoch bis heute nicht in die Tat umgesetzt. Ganz im Gegenteil: der schwedische Mode-Gigant wird sogar von mehreren NGOs des Lohndiebstahls beschuldigt. Und der Brand ist keine Ausnahme, wie viele weitere Fälle zeigen (z.B. aktuell der Sport-Brand der deutschen Fussballmannschaft der EM 2024).

Nicht nur ein Problem des Globalen Südens

Die Kluft zwischen dem tatsächlich gezahlten Lohn und einem existenzsichernden Lohn verringert sich kaum und wurde sogar nach der Pandemie wieder grösser.

Dies gilt aber nicht nur für Länder des Globalen Südens, wie typischerweise Bangladesch, Indien oder Vietnam. Sondern auch Europa ist von diesem Phänomen betroffen.

Paradoxerweise verlassen sich jedoch viele Konsumierende darauf, dass eine Produktion in Europa grundsätzlich für faire und gute Arbeitsbedingungen steht. Betrachtet man beispielsweise Portugal als Produktionsland wird der Widerspruch offensichtlich. In den letzten Jahren wird uns Konsument:innen eine Produktion in Europa als positiv angepriesen, doch auch in Portugal beträgt der Unterschied zwischen Mindestlohn und Existenzlohn 36 %. Noch dramatischer wird es in osteuropäischen Ländern, wie z.B. Rumänien mit einem Unterschied von 43 %, Ungarn mit 51 % oder dem traurigen Spitzenreiter Bulgarien mit 63 % Unterschied.3

Abbildung: The Industry we want

Die alleinige Angabe des Produktionslands ist somit keine Garantie für eine faire Entlohnung. Doch was kannst du tun, um faire Kleidung zu kaufen?

Faire Kleidung – worauf du achten kannst!

Bevor du etwas Neues kaufst, überlege immer zuerst, ob du wirklich etwas brauchst. Vielleicht kannst du es auch Secondhand kaufen?
Wenn es doch etwas Neues sein soll, stelle dir folgende Fragen:

Wo wurde produziert?

In Ländern wie der Schweiz oder Deutschland sind die Mindestlöhne angemessen. Doch im Globalen Süden, aber auch in vielen Ländern in Europa ist dem nicht so.

Wie transparent ist das Unternehmen/der Brand?

Brands und Textilunternehmen, die über ihre Lieferkette informieren und gute Einblicke geben, bemühen sich meist tatsächlich, die Bedingungen zu verbessern. Schau dir ihre Website genau an und mache dir dein eigenes Bild, ob du das Unternehmen vertrauenswürdig findest.

Gibt es Zertifizierungen?

Zertifizierungen wie Fairtrade International oder FairWear stehen für faire Arbeitsbedingungen ein. Hat ein Unternehmen oder Produkt diese Zertifizierungen, kannst du auf eine faire Entlohnung vertrauen. Mehr Infos zum Umfang der unterschiedlichen Textilzertifizierungen findest du auch auf labelinfo.ch


Kaufst du bereits fair hergestellte Kleidung? Oder lässt du dich von Schnäppchen leiten? Teile uns deine Erfahrungen auf Social Media #reflectyourstyle oder via Mail initiative@sts2030.ch

Quelle:
1 Initiative: The Industry We Want – Wages
2 Labour behind the Label
3 Initiative: The Industry We Want – Wages

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