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Nachhaltige Materialien: Gestalte deinen Kleiderschrank umweltfreundlich! (Mit Material-Lexikon)

Polyester verursacht Mikroplastik, Wolle generiert hohe CO2-Emissionen aber auch die Naturfaser Baumwolle verbraucht Unmengen an Wasser in der Produktion. Für welches Material sollst du dich somit entscheiden, wenn du die Umwelt schonen möchtest? Wie wählst du nachhaltige Materialien? Wir geben dir einen Überblick über Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Materialien. Denn wer mehr Informationen besitzt, kann bessere Entscheidungen treffen.

Generell gilt: Damit du eine umweltbewusste Fashion-Entscheidung treffen kannst, ist die Materialwahl wichtig. Je nach Material fallen unterschiedlich starke Belastungen entlang des Lebenszyklus an. Sei es, während der Anbau- bzw. Produktionsphase, im Laufe der Nutzung oder am Ende des Lebenszyklus bei der Entsorgung – jedes Material beeinträchtigt auf gewisse Weise unsere Natur. Wichtig ist daher, das Kleidungsstück so lange wie möglich zu nutzen, indem du sorgsam damit umgehst, es lange trägst oder gegebenenfalls weitergibst.

Fast Fashion als grosser Umweltsünder

Mit dem Aufkommen der Fast Fashion um die Jahrtausendwende haben sich die Zyklen von Modetrends massiv verkürzt. Neue Kollektionen kommen in immer kleineren Abständen auf den Markt, bei Ultra Fast Fashion Unternehmen wöchentlich, wenn nicht sogar täglich.
Der Erfolg der Fast Fashion baut auf synthetischen Materialien auf. Ohne diese wäre die Beschleunigung nicht möglich gewesen. Somit hat sich durch die Fast Fashion der Einsatz von Polyestern mehr als verdoppelt, während der Einsatz aller anderen Fasern, abgesehen von einem leichten Anstieg bei Baumwolle und Zellulosefasern, kaum zugenommen hat.

Weltweites Produktionsvolumen der Textilfasern in 2022 – Quelle: statista.com

Das Problem dabei ist, dass Stoffe minderer Qualität verwendet werden, um Kosten tief zu halten und das Angebot stetig voran treiben zu können. Schlechte Qualität sorgt aber dafür, dass mehr und mehr Kleidung nach nur kurzer Tragezeit im Abfall landet. Die Konsequenz ist: unsere Umwelt wird enorm belastet.
Als Konsument:in kannst du dieses Bild beeinflussen. Entscheide dich bewusst für nachhaltige Materialien bzw. Kleidungsstücke und achte auf gute Qualität!

Die Vielfalt der Materialien – was ist am nachhaltigsten?

Aber welches Material ist nun am nachhaltigsten? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Denn die Problematik ist, dass kein Material zu 100 % perfekt ist. Trotzdem kann man nachhaltige Entscheidungen treffen, wenn man mehr über die jeweiligen Vor- und Nachteile weiss.

Baumwolle, Bio-Baumwolle und recycelte Baumwolle

Baumwolle zählt zu den am häufigsten verwendeten Materialien für unsere Kleidung. Denn Baumwollstoffe sind atmungsaktiv, flexibel und temperaturregulierend. Auch ist Baumwolle vollständig abbaubar.

Doch ein grosses Problem ist, dass der Anbau bis zu 11’000 Liter Wasser für 1 Kilogramm Baumwolle benötigt und somit die Umwelt stark belastend. Bio-Baumwolle benötigt im Durchschnitt viel weniger Wasser, dennoch ist der Bio-Anbau in der Gegenüberstellung mit anderen Materialien immer noch recht wasserintensiv.

Weitere Vorteile der Bio-Baumwolle sind: die Verwendung von ausschliesslich natürlichem Saatgut (nicht gentechnisch verändert), der Verzicht auf Pestizide, chemische Dünger und Monokulturen und oftmals die Verarbeitung per Hand. Dank der Handarbeit kann auf den Einsatz von umweltbelastenden Maschinen verzichtet werden und kleinbäuerliche Strukturen werden unterstützt.

Auch mit recycelter Baumwolle trifft man eine umweltfreundlichere Wahl im Vergleich zu konventioneller. Der wasserintensive Anbau entfällt hier, da bestehende Baumwollstoffe aufbereitet werden. Für das Recycling werden dabei die alten Baumwolltextilien in kleine Fasern zerteilt und zu neuem Garn versponnen. Die Fasern sind jedoch kürzer und somit weniger strapazierfähig. Um dieses Problem zu beheben, werden die Recycling-Fasern oft mit neuen, längeren Baumwollfasern vermischt.

Hanf

Hanf erlebt zu Recht einen grossen Aufschwung in der Fair Fashion Branche. Denn der Stoff ist nicht nur leicht, atmungsaktiv, kühlend, reissfest und langlebig. Sondern die Herstellung ist im durchschnittlichen Vergleich zu anderen Fasern sehr umweltfreundlich.

Die Hanfpflanze wächst auf nahezu jedem Boden. Zusätzlich gibt sie beim Wachsen sogar Nährstoffe an den Boden ab und verbessert ihn somit. Der Anbau benötigt relativ wenig Wasser, 4.000 Liter Wasser je produziertes Kilogramm Faser, und es müssen keine Pestizide oder chemische Dünger eingesetzt werden. Hanf ist ausserdem vollständig abbaubar.

Die Problematik ist, dass für den Anbau strenge Vorschriften gelten, welche aufgrund der Verbindung zu Cannabis festgelegt wurden. Daher ist Kleidung aus Hanf (noch) nicht sehr verbreitet bzw. momentan findet der Anbau meist in China statt, was zu längeren Transportwegen führt.

Leinen und Bio-Leinen

Leinen ist schmutzabweisend, robust, leicht und kühlend, doch es neigt zum Knittern und ist komplett unelastisch. Als pflanzliche Faser ist es komplett abbaubar.

Ein grosser Vorteil im Vergleich zu Baumwolle und Bio-Baumwolle ist, dass der Anbau eines Kilogramms Leinen nur ca. 2.500 Liter Wasser verbraucht. Das ist weniger als ein Viertel des Wasserbedarfs von konventioneller Baumwolle.

Doch die Verarbeitung hin zur Faser ist recht aufwendig, denn die Pflanze muss mit ihrer Wurzel geerntet werden und anschliessend entsamt werden. Danach folgt ein Trocknungs- und Röstungsprozess, sowie die eigentliche Entnahme der Faser.

Beim Bio-Leinen wird die Umwelt geschont, in dem unter anderem auf die Warmwasser-Röstung verzichtet wird, denn bei diesem Verfahren wird viel umweltbelastendes Abwasser verursacht. Auch werden beim Anbau keine chemischen Dünger verwendet und es wird im Fruchtwechsel angebaut, wodurch der Boden auf natürliche Weise geschont wird.

Lyocell und Modal (Regeneratfasern)

Lyocell (Markenname Tencel™) und Modal zählen zu den Regeneratfasern, das bedeutet, dass sie durch ein chemisches Verfahren aus natürlichem Material hergestellt werden. Da der Rohstoff natürlichen Ursprungs ist, sind sie vollständig biologisch abbaubar.

Bei Lyocell werden die Fasern mit Hilfe eines Lösemittelverfahrens meist aus Eukalyptusholz gewonnen. Möglich ist auch die Gewinnung aus Buche oder Fichte. Das eingesetzt Lösemittel ist organischer Herkunft und wird in einem geschlossenen Kreislauf verwendet. Das bedeutet, der Prozess ist sehr umweltschonend. Ein weiterer Vorteil ist, dass es sich beim Rohstoff Eukalyptus um ein schnellwachsendes Holz handelt und somit wird viel weniger Wasser benötigt als beispielsweise für die Baumwolle.

Kleidung aus Lyocell-Fasern ist weich, kühlend, langlebig und atmungsaktiv. Daher wird es unter anderem häufig für Sportkleidung verwendet.

Modal-Fasern ähnelt stark dem Lyocell, jedoch werden sie aus Buchenholz gewonnen. Der Vorteil dabei ist, dass Buchen auch in Europa wachsen und daher die langen Transportwege des Eukalyptus wegfallen.

Kleidung aus Modal ist ebenfalls atmungsaktiv, langlebig, hautfreundlich und zeichnet sich durch einen seidigen Glanz aus. Deswegen wird das Material oft für Bettwäsche und Unterwäsche verwendet.

Polyester und recycelte Polyester

Polyester ist eine Chemiefaser, oder auch Kunstfaser genannt. Es ist sehr leicht, trocknet schnell, knittert nicht, verblasst nicht und ist somit pflegeleicht.

Doch Polyester weist viele Probleme auf. Erstens wird es aus Erdöl gewonnen, welches kein nachwachsender Rohstoff ist. Der Rohstoff Erdöl zieht generell einige Nachteile mit sich. Da es nicht organischen Ursprungs ist, kann es nicht vollständig abgebaut werden, sondern zerfällt im Laufe der Zeit nur in kleinere Partikel. Auch ist das Verfahren zur Gewinnung von synthetischen Fasern aus Erdöl sehr energieintensiv.
Zweitens kann es anders als beispielsweise Baumwolle kein Wasser aufnehmen. Das bedeutet Schweiss wird nicht vom Stoff absorbiert und sammelt sich auf der Haut.
Drittens sind Kleidungsstücke aus Polyester meist nicht langlebig, da die Fasern sehr dünn gesponnen werden. Dies gilt vor allem für Kleider von minderwertiger Qualität, wie sie beispielsweise Fast Fashion Unternehmen anbieten.
Und viertens verliert Kleidung aus Polyester beim Waschen kleine Plastikpartikel, die in Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können. So gelangt Mikroplastik in unser Leitungswasser, in die Umwelt und schliesslich in unsere Ozeane.

Die Kleidung aus recyceltem Polyester hat die gleichen Eigenschaften wie herkömmliches Polyester. Für die Herstellung von recyceltem Polyester werden jedoch vorhandene, alte Kunststoffe wie beispielsweise PET-Flaschen verwendet. Diese werden in einem Schmelzspinnverfahren neu versponnen. Somit ist recyceltes Polyester umweltfreundlicher als herkömmliches.
Zu beachten ist aber, dass, wie im Beispiel der PET-Flaschen, Kunststoffe aus einem funktionierenden Kreislauf entfernt werden. Gerade recycelte PET-Flaschen werden in der Schweiz in ihrem geschlossenen Recycling-Kreislauf immer wieder für ihre ursprünglichen Zweck verwendet. Ein Kleidungsstück aus recyceltem Kunststoff wird jedoch am Ende des Lebenszyklus weggeworfen und verlässt somit den Kreislauf.
Auch wird für die Herstellung von recyceltem Polyester viel Energie und Chemikalien eingesetzt, wodurch die Umwelt belastet wird. Die weiteren negativen Aspekte von Polyester, wie das Freisetzen von Mikroplastik und die meist mindere Qualität gelten ebenfalls für die recycelte Variante.

Wolle, Bio-Wolle und recycelte Wolle

Wolle ist ein tierisches Naturmaterial und wird aus dem Fell von Schafen, aber auch z.B. Ziegen, gewonnen. Das Material ist weich, wasserabweisend, temperaturregulierend und dehnbar. Als natürliche Faser ist sie rückstandslos abbaubar.

Die Haltung der Schafe belastet jedoch die Umwelt. Um beispielsweise Platz zu schaffen für Weideflächen grosser Herden in Ländern wie Neuseeland, wird Land gerodet. Auch stossen die Tiere selbst enorme Mengen an Treibhausgasen aus und die erzeugte Gülle ist eine grosse Belastung für die Umwelt.

Bei der weltweiten Herstellung von Bio-Wolle können zwar viele dieser Probleme nicht vermieden werden, doch es wird sichergestellt, dass kein Tier leiden muss und die Weidefläche frei von Pestiziden und Düngern genutzt wird. Die Tiere erhalten genug Auslauf, bekommen unbehandeltes Futter und werden nicht überzüchtet. Auch ist das Mulesing-Verfahren untersagt. Dabei werden die Hautlappen rund um den Schwanz der Schafe entfernt, um den Befall mit Fliegenmaden zu vermeiden. Dieses Verfahren wird ohne Betäubung durchgeführt und ist somit sehr schmerzhaft für die Tiere.

Recycelte Wolle stellt sicher, dass bereits bestehende Wollkleidungsstücke im Kreislauf bleiben und zu neuen Fasern weiterverarbeitet werden. Dadurch fallen keine erneuten Umweltbelastungen für die Herstellung der Wolle an. Beim Recycling werden die alten Wollkleidungsstücke nach Farbe, Qualität und Fasergehalt sortiert und anschliessend so weit zerkleinert, bis nur noch lose Fasern übrig bleiben. Diese werden neu versponnen.

Weitere nachhaltige Materialien

Dieses Verzeichnis gibt einen ersten Einblick in die am meisten verwendeten Textilfasern. Spannend sind jedoch auch innovative, nachhaltige Fasern, wie beispielsweise Bananenfasern, SeaCell oder Ananasleder, die langsam ihren Weg in den Textilmarkt finden.

Wichtig ist jedoch – das nachhaltigste Kleidungsstück ist immer jenes, das bereits in deinem Schrank ist!
Und nach welchen Materialien wirst du in Zukunft beim Secondhand- oder Neukauf Ausschau halten?


Teile uns deine Erfahrungen auf Social Media #reflectyourstyle oder via Mail initiative@sts2030.ch

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