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Altkleider und Schuhe neben einem Altkleider-Container

«Circular Zürich»: Eine optimierte Kleiderverwertung gegen die Auswüchse der Schnellmode

Die Dienstabteilung Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) will mit einer neuen Strategie negative Auswirkungen der Fast-Fashion-Industrie bekämpfen. Andreas Lindau, Leiter der Gruppe Kreislaufwirtschaft bei ERZ, zeigt im Interview mit uns auf, wie lokale und bedarfsgerechte Wiederverwendung einen nachhaltigeren Textil-Kreislauf ermöglichen kann. 

Andreas Lindau

Leiter der Gruppe Kreislaufwirtschaft bei der Dienstabteilung Entsorung und Recycling (ERZ).

Infos ERZ

Im Jahr 1998 entstanden durch die Fusion des Abfuhrwesens und der Stadtentwässerung und 2001 ergänzt durch die Stadtreinigung. 

Warum ändert die Stadt Zürich gerade jetzt das System bei der Kleidersammlung? 

Der globale Altkleidermarkt steht momentan vor grossen Herausforderungen: Befeuert von Fast Fashion fallen hohe Mengen an Altkleidern an, während gleichzeitig deren Qualität abnimmt. Was zur Wiederverwendung in die Abnehmerländer geliefert wird, entspricht oft nicht den dortigen Bedürfnissen. Dadurch entstehen also nicht nur negative sozioökonomische Auswirkungen, sondern auch Umweltschäden durch wilde Deponien und unkontrollierte Verbrennungen. Wir, als Teil der Stadt Zürich, möchten deshalb nicht zu diesem System beitragen.  

Zudem entwickelt sich das Faser-zu-Faser-Recycling stark weiter, während fürs Recycling interessante Textilien im Kehricht landen. Diesen Herausforderungen wollten wir Rechnung tragen und ein System schaffen, bei dem wir wissen, was mit unseren Kleidern passiert und in dem diese einer klaren Verwertungshierarchie folgen.  

Mit «Circular Zürich» verfolgt die Stadt Zürich eine ambitionierte Kreislaufwirtschaftsstrategie mit zahlreichen Massnahmen. Die Textilsammlung ist dabei ein Puzzlestück. Textilien haben vergleichsweise einen hohen Umweltfussabdruck, weshalb hier der Hebel gross ist. 

Das heisst konkret: Die Wiederverwendung soll möglichst lokal und bedarfsgerecht geschehen, das Faser-zu-Faser-Recycling gestärkt und die Wiederverwendung ausserhalb Europas ganz ausgeschlossen werden. Nur was nicht mehr wiederverwendet oder rezykliert werden kann, soll in Schweizer KVAs verbrannt werden. 

Hand aufs Herz: Was passiert wirklich mit den Kleidern, die ich in den Sammelsack beziehungsweise in den Container werfe? 

Wie bisher werden diese in verschiedene Kategorien sortiert zur Wiederverwendung und Verwertung. Neu ist in der Stadt Zürich unsere vorgegebene Verwertungshierarchie und die Zielvorgaben. Bis die Ziele ganz erreicht werden, wird es mehrere Jahre dauern, da die Abnahmekanäle, die Sortierung und auch die Verwertungstechnologien sich erst noch entwickeln müssen. Deshalb setzen wir auf eine langfristige Zusammenarbeit mit Tell-Tex. Und der Kanton Zürich hat in Zusammenarbeit mit uns ein Monitoringsystem entwickelt, welches die Einhaltung der neuen Vorgaben überprüfen wird. 

Wer jetzt seine Alttextilien in unsere Sammlung gibt, hilft also mit, dieses bessere System zu entwickeln. 

Darf ich jetzt auch den löchrigen Socken oder das zerrissene Leintuch einwerfen? 

Korrekt. Für das Faser-zu-Faser-Recycling und teilweise das Downcycling (Putzfäden, Dämmstoffe) sind auch löchrige Kleider und Textilresten wertvoll. Sie müssen einfach sauber und geruchsfrei sein. 

Früher gab es verschiedene Säcke beziehungsweise Container von Hilfswerken. Wohin soll ich meine Alttextilien nun hinbringen? 

Alttextilien gehören zum Siedlungsabfall, worauf die Gemeinde ein Monopol hat. In der Stadt Zürich gibt es deshalb nur noch ein offizielles Sammelsystem – über die Container an unseren Wertstoffsammelstellen, wo die Textilien in beliebigen geschlossenen Säcken eingeworfen werden können. 

Was aber weiterhin geht, sind noch brauchbare Kleider direkt zur Wiederverwendung weiterzugeben – im Bekanntenkreis, über Secondhand-Läden oder Online-Plattformen. Das soll auch genutzt werden, da dadurch bedarfsgerecht und mit kurzen Wegen wiederverwendet wird. 

Was ist die beste, «gute Tat», die ich für meine Kleider tun kann? 

Überlegt konsumieren! Das heisst nur kaufen, was man auch wirklich braucht (am liebsten Secondhand) und dies so lange wie möglich tragen. Zum langen Tragen helfen eine hohe Qualität, gute Pflege und wenn nötig Reparaturen. 

Spezielle Sachen, die man beispielsweise nur selten trägt, lieber an Freunde und Bekannte oder Fashion-Interessierte ausleihen. 

Was bringt das Ganze konkret für die Umwelt: Können wir durch diese bessere Sortierung messbar CO2 oder Wasser einsparen, weil weniger neue Fasern produziert werden müssen? 

Ja, durch eine bessere, sprich bedarfsgerechte Wiederverwendung können wir Neuprodukte vermeiden, was hohe Umweltbelastungen in der Produktion (Energie, Wasser, Chemikalien) einspart.  

Und indem wir unkontrollierte Verbrennung und Deponie im Ausland unterbinden, sparen wir auch Emissionen bei der Entsorgung ein. 

Stichwort Abfallberg: Wie viel Tonnen Kleidung landen in Zürich aktuell noch im normalen Hausmüll und wie stark kann dieser Berg durch das neue System schrumpfen? 

Nebst den jährlichen rund 2000 Tonnen, die über die Textilsammlung separat gesammelt werden, landen etwa (insgesamt, statt zusammengezählt?) nochmal so viel im Haushalts- und Betriebskehricht. 

Ein Teil davon ist dort auch richtig, nämlich alles, was verschmutzt ist. Aber saubere, wenn auch defekte Textilien, können neu in die separate Textilsammlung. Wie viel genau, ist schwer zu sagen – aber ich schätze das theoretische Potenzial auf rund 1000 zusätzliche Tonnen pro Jahr, praktisch realisierbar sind es vielleicht 500 Tonnen. (t/a) 

Zürich will eine Vorreiterrolle in der Kreislaufwirtschaft einnehmen. Welchen Einfluss hat diese Umstellung auf das grosse Ziel, dass wir irgendwann gar keine Textilabfälle mehr produzieren, sondern alles als wertvolle Ressource im Kreislauf halten? 

Die Umstellung in der Sammlung und der Verwertung ist nur ein Faktor. Die Stadt Zürich fördert zudem auch die direkte Weitergabe (z.B. übers Josy) oder die Reparatur (z.B. über die Reparaturförderung) von Textilien. Dazu kommen Sensibilisierungsmassnahmen und der interne Textilkonsum, den wir im Sinne der Kreislaufwirtschaft stetig verbessern wollen. Das entspricht in etwa dem Handlungshorizont der Stadt. 

Es müssen aber auch andere Akteur:innen mitmachen: Die Textilindustrie bei Design, Produktion und Geschäftsmodell und natürlich auch die Konsument:innen, die bestimmen, was sie kaufen, wie sie es nutzen, und was sie zum Schluss damit machen. Die Politik kann zudem Vorgaben machen, wie es aktuell in der EU geschieht. 

Fazit

Fast Fashion verursacht einerseits zu viel Altkleidung und andererseits ist auch die Qualität minderwertig. Dadurch entstehen nicht nur zusätzliche Probleme bei der Wiederverwertung, sondern auch bei der Vernichtung (Verbrennung). 

«Circular Zürich» setzt deshalb neu auf eine spezielle Wiederverwertungshierarchie inklusive spezieller Zielvorgaben, um die Umweltbelastungen (Energie, Wasser, Chemikalien) durch Neuproduktionen entgegenzuwirken: So soll das gezielte Recycling schliesslich die Produktion von neuen Fasern sowie Emissionen durch die unkontrollierte Verbrennung reduzieren. 

Gebt eure Alttextilien jetzt in die Sammlung von «Circular Zürich», um das Monitoring-System mitzuentwickeln! Weitere Tipps für eine nachhaltige, umweltfreundliche Garderobe: 

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